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KEIN ENTKOMMEN !
Auf der Suche nach Ruhe, Wochenend-Wahnsinn im Oberland !

Kaum sind die Ausgangsbeschränkungen gelockert überfüllen sich die Parkplätze im Oberland mit Besuchern aus der benachbarten Großstadt. Man darf wieder Strawanzen, das Sprachzentrum muss jedoch wegen akuter Ansteckungsgefahr mit einem Lappen abgedeckt werden.

Der und Das – und neuerdings auch Dings-Münchner misst seinen persönlichen Freizeitwert offensichtlich in Stauminuten die es zu überwinden gilt. Am Zielort mit Tausend anderen Individualisten setzt dann die Erholung ein – oder auch nicht.

Ein Teil erklimmt sogleich mit der Seilbahn die Berge in Überlebensjacken aus Spezialmembran die meist nur als Sitzplatzmarkierung im hippen Gipfel-Selbstbedienungslokal dienen. Die gerne in Signalfarben teuer erworbene Hochalpinbekleidung wird Handtuchersatzmässig über ganze Bänke und Tische drapiert um nachfolgenden Seilschaften seinen Gebietsanspruch zu verdeutlichen.

Während die einen schon über dem Kuchen schwitzend in’s Voralpenland blinzeln und dabei in Ihren Kaffee schweisseln – sind die anderen noch unterwegs. Per Pedes wie der Lateiner die seit Jahrtausenden bewährte Fortbewegungsart nennt, in der ein Fuß vor den anderen gesetzt wird. Auch hier gibt es Hetzer, Genießer, Bummler und Übermotivierte. Ein Mancher erfasst gar seine Gehzeiten mittels GPS um Zuhause im Kämmerlein die eigene Leistungskurve zu analysieren. Es wird geschnauft, geschwitzt, geschimpft, Gehstöcke werden paarweise in den Boden gerammt, um den vor Müdigkeit schwachen Körper über die letzen Hindernisse und Felsbrocken in Richtung Gipfel zu hieven. Die oftmals bis zu einer ganzen Stunde andauernden Besteigungen verlangen den Städtern alles ab was sie haben, auch wenn das oft nicht viel ist.

Von all dem Fußvolk nur gestört fühlt sich der E-Biker. Heckseits über dem Agrarhaken angebrachte Ladeflächen des Mutterschiffs beherbergen sie die Lifestyle Fortbewegungsmittel aller Preiskategorien. Modernste Technik ermöglicht es selbst dem letzten übergewichtigen rotgfotzerten-bierbauchtragenden-Streichholz-Wadln-Radler im Eiltempo die Berge zu erklimmen. So lange der Akku hält geht es bergauf in Regionen die der ungeübte sonst nur mit dem Rettungshubschrauber überflogen hätte. Die Wanderer sind nun genötigt jeden E-Mobilisten vorbeizulassen, was auf schmalen Wegen oft mit Warterei einhergeht – schliesslich ist der Anspruch des Radlers das Fahren, gerne um jeden Preis. Rücksicht kann da nicht genommen werden, es wird alles und jeder umfahren, angefahren und dann weitergefahren.

Das man am Wochenende aus der Stadt in die Berge geht um einmal nicht hinterrücks von einem Radler zusammengeschoben, angeklingelt oder angepöbelt zu werden geht hier vollkommen verloren. So verschiebt sich die Stadt der man zu entfliehen versucht in die Natur.

Wo sonst Kühe glutenfreie Milch für das Hippe-Bio-Krispy-Schoko-Fairtraide-Nachaltigkeits-Früchte-Müsli der Städter produzieren verwandelt sich selbiger Schauplatz am Wochenende zu einem Drehort für Actionfilme. Alles muss heutzutage gefilmt, mit Drohnen beflogen und fotografiert werden. Damit jeder Selbstdarsteller dann auch sofort allen anderen Endgerätebesitzern mit einem Post mitteilen kann wie toll er es gerade hat. Einfach barfuss durch eine Wiese, hinlegen, hinhören… völlig analog!?

Oben angekommen geht die Sitzplatz suche los, es ist überfüllt. Der Nachbar ist auch da und nickt halbfreundlich. Sie alle hatten die gleiche erfolglose Idee – zu entkommen. Damit so ein Wirt seinen Winter am Strand verbringen kann kostet der laktosefreie Kaiserschmarren hier “oben” auch gleich mal so knapp an der Grenze zwischen Körperverletzung und Beleidigung. Dafür ist er oft nicht gut – macht aber nix, ist halt so auf einer „echten griabigen Alm“.

Abends rollt die Blechkarawane dann zurück in die Stadt. Die Fahrräder werden abmontiert und in den Keller verbracht, am Fahrzeug die Ladeplattform abmontiert, die Membrankleidung sorgfältig zusammengelegt. Dem Nachbarn nickt man freundlich zu, schliesslich hat man sich seit der rustikalen Almwirtschaft am Nachmittag nicht mehr gesehen. Was für ein schöner Tag, versucht man sich einzureden… nur zwei Stunden nach Kochel, und drei Stunden zurück … herrlich !

Am nächsten Wochenende fahren wir nach Garmisch, das ist bestimmt nicht soviel los!